Bitte sprechen Sie nicht zu schnell (aber auch nicht zu langsam!), deutlich und hochdeutsch in normaler Lautstärke!

Bitte schauen Sie mich beim Sprechen an, damit ich von Ihren Lippen ablesen kann. Bitte halten Sie darum Abstand!
Wenn Sie mich nicht verstanden haben, fragen Sie bitte ohne Hemmungen!

Meine Sprache ist Deutsch und Gebärdensprache. Akzeptieren Sie bitte, wenn ich beim Sprechen ein bisschen gebärde.

Bitte denken Sie nicht, dass wir Gehörlosen arme Menschen sind. Wir können nur nicht hören..

Ich freue mich, wenn sie mich ansprechen und mit mir plaudern. Bitte haben Sie keine Hemmungen!

Wenn ich am Arbeiten bin, können Sie mich nicht rufen. Berühren Sie mich einfach an der Schultern, dann weiss ich, dass Sie mit mir sprechen wollen.

 

"Gehörlosigkeit ist einfach, wenn man nichts hören kann und mit den Händen redet - sonst ist alles genauso wie bei anderen Leuten", glauben viele Menschen. Und dann sind sie ganz verwundert, wenn ich widerspreche. "Was ist denn noch anders?", wollen sie wissen. Die Frage ist berechtigt, auf den ersten Blick erscheint ja alles so einfach und klar. Nur ist die Antwort nicht so leicht. Denn natürlich ist ein Gehörloser nicht wie der andere, und man kann nicht mal eben eine Studienreise nach Gehörlosistan oder Gebärdenland machen, um die Lebensweise der Bewohner kennen zu lernen. Von "Du verstehst die Gehörlosen wirklich gut" bis "So ein Quatsch, das ist doch ganz anders" habe ich schon alle Stufen von Lob und Tadel bekommen, wenn ich dachte, etwas kapiert zu haben. Ich kann Ihnen hier also keine letzten Weisheiten bieten, sondern nur aus meiner Erfahrung und meiner ganz subjektiven Sicht ein paar Dinge schildern, worin sich Gehörlose von Hörenden unterscheiden. Vielleicht wächst so ein bisschen mehr Verständnis füreinander heran oder sogar die Neugierde in Ihnen, selbst einmal Gehörlose kennen zu lernen und sich ein eigenes Bild zu machen.

 

Häufig befällt Hörende Mitleid, "weil die armen Gehörlosen ja keine Musik und kein Vogelgezwitscher hören können." Mal abgesehen davon, dass die meisten Hörenden das vielgelobte "Vogelzwitschern" so gut wie nie bewusst wahrnehmen (das Gehirn filtert es als "unwichtige" Information heraus): Vermissen Sie die ultravioletten Farben der Blumen? Oder die Ultraschallrufe der Fledermäuse? (Menschen können kein ultraviolettes Licht sehen und keinen Ultraschall hören.) Wohl kaum. ähnlich geht es Gehörlosen, die von Geburt oder frühen Kindesjahren an nicht hören können: Sie vermissen häufig keine Musik, weil sie noch nie welche gehört haben. Die Musik fehlt Ihnen nicht in ihrer Welt. Sie nehmen die Schwingungen mit den Fingern, den Füssen und dem Bauch wahr. Dabei können sie sich viel besser auf Feinheiten konzentrieren als Hörende, deren Gehirn voll ausgelastet ist mit den Signalen von den Ohren. Für die Musikliebhaber unter den Gehörlosen kann das ein ähnlich schönes Erlebnis sein wie das "richtige" Hören.

 

Mit der Gebärdensprache blühen Gehörlose auf, fallen die vermeintlichen Barrieren in ihrem Leben. In Gebärdensprache können sie sich locker über alles unterhalten, Witze machen (die sich unmöglich in Lautsprache übertragen lassen) und Lieder singen (einem Gebärdensprachchor zuzuschauen, ist einfach phantastisch). "Wir sind nicht behindert", erklären darum Gehörlose immer wieder Hörenden. "Wir sind eine sprachliche Minderheit." Und tatsächlich erinnern die durchaus vorhandenen Probleme Gehörloser in einer hörenden Umwelt weniger den Sorgen Behinderter, als vielmehr den Schwierigkeiten eines Deutschen in einem Urlaubsland, dessen Sprache er nicht kann. Noch einen wesentlichen Unterschied zu beispielsweise Rollstuhlfahrern oder Blinden gibt es: Gehörlosigkeit kann man nicht sehen. Wenn man als Hörender einen Gehörlosen von hinten anspricht und er nicht reagiert, kann kein Mensch wissen, dass er nicht stur ist, sondern einfach nichts gehört hat. Oder Sie fragen jemanden nach dem Weg, und er antwortet völlig überraschend mit einer Stimme, die grell laut und unverständlich ist. Es ist unglaublich schwierig für Gehörlose, ihre Stimme gut zu kontrollieren, ohne sich dabei selbst zu hören. Nur wenigen gelingt das so gut, dass kaum etwas zu bemerken ist, die meisten sprechen "seltsam", manche kann man gar nicht verstehen. Auf jeden Fall weiss ein Hörender vorher nicht, dass sein Gegenüber gehörlos ist und wie er sich verhalten soll. Mag die Aussprache vielleicht undeutlich sein - "stumm" sind Gehörlose nicht und deshalb auch nicht "taubstumm". Diesen Begriff empfinden Gehörlose sogar als Beleidigung, und Hörende sollten ihn daher nicht gebrauchen. Er steht zwar immer wieder in Zeitungen, und viele ärzte benutzen ihn, doch das zeigt nur, wie wenig wir Hörenden über Gehörlose wissen. Sagen Sie besser "gehörlos". Auch das Wort "taub" akzeptieren viele Gehörlose, manche bevorzugen es sogar, weil es nicht die Gehör-"losigkeit" betont. Weil Gehörlose sich selbst als sprachliche Minderheit ansehen, ist die Gehörlosigkeit für sie auch keine Krankheit, wie viele Hörende sie einordnen würden. Wenn die berühmte Märchenfee ihre Runde bei Gehörlosen machen und jedem drei Wünsche zugestehen würde, bekäme sie bestimmt lauter Dinge genannt wie Haus, Reise, Auto, Computer, Motorrad, ... und auch Gesundheit. Mit dieser "Gesundheit" wäre aber meistens nicht gemeint: "Ich will hören können", sondern der Schutz vor Krankheiten und Behinderungen, zu denen Gehörlosigkeit eben nicht gezählt wird. Es ist eine persönliche Einstellung, die ebenso akzeptiert werden sollte wie die Entscheidung, sich voll auf die eigene Gehörlosigkeit einzulassen. Ganz grob ausgedrückt gibt es also zwei Gruppen von Gehörlosen, die sich darin unterscheiden, ob sie die Laut- oder die Gebärdensprache als ihre Muttersprache ansehen. Leider lehnen einige Gehörlose die Entscheidung der jeweils anderen Gruppe ab, wodurch es zu Spannungen kommen kann. Dabei haben beide Parteien die gleichen Probleme in der Kommunikation mit Hörenden, sie gehen nur auf verschiedene Arten damit um. Etwas mehr Toleranz untereinander wäre sehr hilfreich, die gemeinsamen Probleme zu lösen.

 

Wenn Sie einen Brief oder ein Fax von einem "typischen" Gehörlosen bekommen, werden Sie bemerken, dass es sofort zur Sache geht. Da gibt es keine Höflichkeitsfloskeln zur Einleitung und keine Umschreibungen, da steht nach der Anrede sofort: "Ich will mir deine Kreissäge ausleihen" oder etwas ähnliches. Direkt. Das kommt einem Hörenden schon komisch vor. Wir sind es gewohnt, alles ganz umständlich als höfliche Frage zu verpacken, umgeben von nichts sagenden Anläufen und nachfolgenden Belanglosigkeiten. Wenn ein Gehörloser so etwas liest, weiss er manchmal gar nicht, worum es in dem Brief eigentlich geht. Ihm sind klare Aussagen lieber. Mit Unhöflichkeit hat das nichts zu tun. Sollten Sie ein Treffen mit einem Gehörlosen abmachen, kann es sein, dass Sie alleine am vereinbarten Ort stehen. Manche Gehörlose sehen Verabredungen nur dann als bindend an, wenn sie ausdrücklich "fest" abgemacht sind. Wollen Sie also auf Nummer sicher gehen, fragen Sie lieber nach, ob der Termin "fest" ist. Wenn Sie bis hier gelesen haben, dann wissen Sie nun ein bisschen besser, wieso es nicht so einfach ist, Gehörlosigkeit zu erklären. Ich denke, so ganz genau kann das kein Hörender und wahrscheinlich auch kein Gehörloser. Denn bei aller Pauschalisierung sollten wir bitte eines nicht vergessen: Die Menschen sind verschieden - jeder einzelne.
Alle Rechte vorbehalten! März 2005/dg