Die Welt hält für Gehörlose nicht weniger Schönheiten bereit, nur liegen die Schwerpunkte anders, als sie Hörende es gewohnt sind. Dass Gehörlose Schwingungen des Bodens, eines Tisches oder anderer Gegenstände viel bewusster wahrnehmen, haben wir eben schon erfahren. Vor allem nutzen sie aber ihr Sehen. Informationen zum Orientieren, Lernen, Interagieren mit der Umwelt, die Kommunikation - fast alles verläuft optisch. Sehr viele Gehörlose denken sogar in Gebärdensprache, daher der Name dieser Website. (Das Gehirn verarbeitet die Gebärdensprache jedoch in den Sprachzentren und nicht in den Arealen für visuelle Reize.) Im Gegensatz zum Gehör, das ständig Geräusche aufnimmt, muss man mit den Augen hinschauen, um etwas zu sehen. Darum kann an Gehörlosen schnell mal etwas vorbeilaufen. Wie die Königin von England heisst, schnappen Hörende zwischendurch mal auf, ein Gehörloser weiss die Antwort nur dann, wenn er genau diese Information gelesen oder gesehen hat - en passant erfährt er das nicht.

Das kann schnell zu Missverständnissen führen, wenn ein Gehörloser nicht zur Betriebsversammlung erscheint (der Termin wurde nur per Lautsprecher durchgegeben), den Geburtstag eines Kollegen vergessen hat (das heimliche Getuschel konnte er nicht hören) oder ein Kind nicht weiss, dass Hunde bellen. Deswegen sind Gehörlose nicht stur oder gar dumm. Man muss es ihnen nur so mitteilen, dass sie es sehen können. Womit wir beim Thema Lippenlesen wären. Haben Sie das schon einmal versucht? Ein bisschen machen wir es unbewusst alle, doch alleine damit ganze Wörter oder Sätze zu verstehen, ist unheimlich schwierig. Aber von den Gehörlosen erwarten Hörende, dass sie alles verstehen, was wir vor uns hinnuscheln.

Ein wenig mehr Anstrengung auf unserer Seite kann da wahre Wunder wirken. Wenn die Unterhaltung in Gebärdensprache verläuft, dreht sich die Situation plötzlich um. Für Gehörlose ist es keine Schwierigkeit, einem Dialog zu folgen, in dem zwei Personen gleichzeitig gebärden. Sie erkennen mühelos verwaschen ausgeführte ("genuschelte") Gebärden und können ohne Probleme in eine laufende Diskussion einsteigen. Möchten Sie eine Ahnung davon erhaschen, wie sich Gehörlose unter lauter Hörenden fühlen? Dann besuchen Sie eine Feier von Gehörlosen, oder gehen Sie zu einer Aufführung eines Gebärdensprachtheaters. Dieser Rat ist ernst gemeint. Sie lernen dadurch mehr als aus vielen, vielen schlauen Büchern.

Vielleicht haben Sie ja das Glück, an einem Abend mit Gebärdensprachpoesie teilnehmen zu können. Das gibt es wirklich, und das ist wunderschön. Auch wenn Sie überhaupt nichts verstehen. "Das kann man nicht übersetzen", hat eine Dolmetscherin auf den Kulturtagen der Gehörlosen gesagt. "Das ist wie bei einem Gedicht von Enzensberger: Man muss es einfach geniessen." Auch ohne zu wissen, worum es in dem Gedicht geht - schön vorgetragene Gebärdensprachpoesie nimmt bei mir den direkten Weg zur Ebene der Gefühle. So wie sonst nur die Musik. "Die armen Hörenden haben keine Gebärdensprachpoesie..." ;-)